Samstag, 16. September 2017

Zustände


Noch eine gute Woche bis zu meinem achten Marathon. Ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits Vorfreude auf das Wochenende. Andererseits fühle ich mich läuferisch etwa wie die Rostlaube auf dem Foto, als hätte ich nicht 15 Wochen Trainingsvorbereitung hinter mir.
Und genauso verläuft dann auch mein letzter langer Lauf.
Und als wenn der Gefühlszustand nicht reicht, sind auch noch die Rahmenbedingungen -vermeintlich- gegen mich:

Wetter: Immer noch stürmische (Rest-)Böen, die Laufen unrund werden lassen, dicke Regenwolken am Himmel.
Kurz nach dem Start: Längeres Seitenstechen setzt ein.
Als ich ein paar Folgen des Sturms festhalten will: Kameraakku ist leer (Daher hier nur Reservefotos).
Strecke: Jäh ausgebremst durch eine Überschwemmung des Weges bei einer Brückenunterführung durch Erfthochwasser. Kurz ziehe ich einen Balanceakt über das Geländer zwischen Weg und Flüsslein in Betracht, verwerfe dies doch rasch wieder. Also ein Stück umkehren und umdisponieren.
Laufgefühl: Rostig, anstrengend. Die Beine verrichten zwar ihren Dienst, aber Laufspaß fühlt sich anders an. IchwillaufmeinSofa!
Gedankenwelt: Der Frühjahrsmarathon in Prag war Murks (Link) und der Spaß in Monschau wurde auch vereitelt (Link), reiht sich etwa der 3. Anlauf in diese Serie ein?
Als mich ein entgegenkommender Läufer freundlich grüßt, nehme ich das, gedankenverloren wie ich herumtrabe, viel zu spät zum Gegengrüßen wahr.
Nee, so weit ist es gekommen...

Wenigstens hat sich das Seitenstechen nach einigen Kilometern wieder verflüchtigt.
Und Glück habe ich auch insofern, als der "Verpflegungspunkt" bei km 13 besetzt ist. Nun ja, ich klingele einfach mal bei Hausnummer 8 im Nachbarort. Da wohnt nämlich Heidrun und sie schenkt mir selbstlos das erbetene Glas Wasser ein.
Glück habe ich auch, weil mir dann doch fast durchgehend die Sonne zulacht und die Regenwolken irgendwoanders ihre Schauer ablassen.

Zu Hause angekommen, setzt auch zuverlässig das angenehme Nach-dem-Lauf-Gefühl ein.

Eigentlich also kein Grund zum Klagen, außer, dass der Kopf momentan so seine eigene Gedankenlogik entfaltet.

Da erinnere ich mich an den hölzernen Kerl, den wir kürzlich im Urlaub an der beeindruckenden Cholerenschlucht bei Adelboden sahen. "Bhalt dis Lachä" empfiehlt er, "Behalte Dein Lachen".
Gute Losung, ich werde sie mir zu Herzen nehmen.
Und läuferisch kennt man das ja: Mal fühlt man sich wie Rostlaube, mal fit wie der junge Frühling.
Rostlaube habe ich nun erledigt.
Frühling darf kommen.



Sonntag, 10. September 2017

Jungfraumarathon 2017 (aus Supportersicht)


Traumhaftes Wetter am Freitag bei der Startnummernausgabe in Interlaken - alptraumhafte Wettervorhersage für den Wettkampftag. Wir können kaum glauben, was wir am nächsten Tag dann wahrhaftig erleben müssen.
Zum dritten Mal seit 2015 wird mein eidgenössischer Ehemann diesen anspruchsvollen Lauf (1.800 Höhenmeter) angehen, Lauffreundin Heidrun möchte nach ihrem enttäuschenden Erlebnis 2016 die Rechnung begleichen. Doris und meine Wenigkeit ein weiteres Mal in der Rolle der Sherpas.

Das Teilnehmergeschenk für die Läufer anlässlich des 25. Jubiläums der Veranstaltung ist ein durchaus tauglicher Laufrucksack. Die Feuerprobe beim Lauf besteht das Teil am Folgetag mit Bravour.
Das Finishershirt, in diesem Jahr Langarmversion, gibt es natürlich erst im Ziel.

Wir werfen noch einen Blick auf einige kurze Vorläufe. Dann geht es ab zu unserer privaten Pastaparty im kleinen Kreis.










Der Morgen des großen Tages, am Bahnhof Interlaken-Ost. Mir springt ein Plakat der Kleinen Scheidegg ins Auge, dem Ziel des Laufs. Welch ein Motiv für unsere beiden Starter!
Die Vorfreude, ich greife mal soweit vorweg, wird später purer Freude weichen...

Es ist kalt, weswegen Heidrun einen kleinen Lendenschurz in Plastikschick angelegt hat. Doris und ich werden den Start nicht verfolgen. Es sind im Jubiläumsjahr noch mehr Teilnehmer dabei als sonst. Was ein noch größeres Chaos in den Zügen für uns Supporter bedeutet. Wir gehen auf Nummer sicher und wählen eine frühere Bahn um ganz bestimmt unsere beiden Läufer in Lauterbrunnen zu erwischen.




Wir erreichen gut unseren Stammplatz vor der Gemeindeverwaltung und schon 1:07 Std nach dem Start sehen wir hier bei knapp km 20 den zu diesem Zeitpunkt Führenden.
Und dann setzt auch bereits die erste Prophezeiung des Wetterberichts ein: Regen.
Doch wir sind gewappnet, ich weihe mein Wanderer-Regencape ein, das sogar einen "Buckel" für den Rucksack hat.
Chris kommt 10 Minuten vor seinem Zeitplan an. Die von ihm für hier bestellte Cola ohne Kohlensäure will er noch nicht haben.

Während das Feld eine knapp 5 km lange Schleife hinter Lauterbrunnen läuft, wechsle ich den Standort, um erneut Cola bereit zu halten.
Doris wartet weiter auf Heidrun, die gemäß ihrem Zeitplan ca. 30 Minuten später am Gemeindehaus eintrifft. Sie hält sich strategisch an den 6:30-Pacemaker und sieht gut aus, besser als 2016.
Wie man unschwer erkennen kann, ist das Wetter ein solches für Regen- und Kälteliebhaber.
Hier hätte ich gern die Kuhglocke zur Hand, die uns unsere Vermieter aus ihrem Stallbestand freundlich zur Verfügung stellten. Das Feld wird gleich die Wengener Wand gehen und gern würde ich noch etwas "Drive" mit auf den Weg geben. Doch leider war kein Platz für das gute Stück im Rucksack. Und wenn, hätte ich jetzt einen Hörschaden. Als ich nach einer "kleinen" Glocke fragte, erhielt ich 2 etwa Teekannengroße Exemplare. Toller Klang, laut, ziemliches Gewicht. Gefreut hätte es manche Läufer wohl noch mehr, als das kleine Bimmelchen, das ich stattdessen dabei habe.
Chris kommt munter angelaufen und nimmt nun die bestellte Cola mit.

Während er dann wie die anderen auch hier zur Wand schwenkt (die übrigens auch akkustisch wie optisch mit "The Wall" von Pink Floyd garniert wurde), eile ich zum Bahnhof. Mein Auftrag lautet, erneute Cola-Anreichung auf der Wengener Alp, ca. 5 km vor dem Ziel.
Dem steht entgegen: Das Transportproblem.
Kurze Erläuterung: Es sind rd. 5.000 Läufer dabei, jeder hat mindestens eine Begleitperson. Und letztere wollen hoch zur weiteren Strecke (die Läufer machens ja bergauf laufend). Zusätzlich zu den vielen anderen Touris aus aller Herren Ländern. Zu Fuß geht nicht, da laufen ja die Läufer. Laut Fahrplan startet alle halbe Stunde ein Zahnradbähnlein der Wengernalpbahn auf die überwiegend einspurige Strecke. Und dieser Takt wird nicht verändert. Punkt. Wohl sind 2 Bähnlein hintereinander möglich.
Man hat in diesem Jahr den Bahnhof abgesperrt und alle müssen durch einen einzigen Zugang. Dort werden die Fahrgäste gezählt und nur soviel aufs Gleis gelassen, wie das Bähnlein mitnehmen kann.
Ich gelange nach 40 Minuten Warten in ein älteres Exemplar mit putzigen Holzsitzen. Das dann auch irgendwann losrollt.
Bis dahin gelingt noch ein Foto von den Läufern, die dann doch eher Geher sind, auf ihrem Weg die Wengener Wand hinauf.
Während der Fahrt sind ein paar Schnappschüsse der Marathonis möglich, soweit es Nebel und Regen zulassen.



Ich weiß nicht, ob ich Mitleid haben soll oder Bewunderung. Beides ist angebracht, bei diesen Bedingungen. Auf Rufen und Winken aus dem Zug wird aus dem Feld zurückgewunken. Das nenne ich Sportsgeist der wettergeplagten Gipfelstürmer!

Als ich es in Wengernalp aus der proppenvollen Bahn schaffe, sehe ich vor mir eine bekannte Gestalt gehen... Doris, die doch erst viel später nach mir zum Bahnhof in Lauterbrunnen kam! Sie musste nur 5 Minuten anstehen und dann überholte ihre Bahn die meinige auch noch unterwegs, die Welt ist ungerecht! Aber ich will nicht jammern, wir hatten immerhin 45 Minuten im Trockenen...

Wir hasten zur Strecke, denn bis zu Chris' geplanter Ankunft ist es knapp, und wenn er immer noch vor seinem Zeitplan liegt, kann es sogar eng werden. Die Läufer schälen sich aus dem Nebel, durch und durch nass bis auf die Haut. Aber wer bis hier kam weiß, er hat fast 38 km geschafft!
Nach wenigen Minuten kommt Chris, doch er ist so mit seinem Lauf beschäftigt, dass er uns trotz läuten und rufen zunächst nicht wahrnimmt. Er liegt weiterhin vor seinem Plan, die Cola braucht er nicht mehr.

Hier noch ein Vergleichsfoto, gleiche Stelle, 2016.

Während Doris auf Heidrun wartet, mache ich mich auf zum Zielbereich auf der Kleinen Scheidegg. Kurz kann ich noch einen Blick auf die Ameisenstraße werfen, als der Nebel vorübergehend ein Fenster öffnet.





Ich habe etwa 35 Minuten Anstieg zu Fuß vor mir und schnaufe mich hoch.
Von Ferne höre ich die Alphornbläser, die die Läufer an der Strecke erwarten. Später wird mir Chris berichten, dass sie wetterbedingte Notunterkunft beim Sessellift hatten, und nicht am gewohnten Standort musizierten. Auch höre ich näher kommend Zielgeräusche, Ansagen, Anfeuerungsrufe.
Und überhaupt, welch eine prachtvolle Aussicht hier!
Naja, zumindest vor meinem inneren Auge...

Vergleichsfoto von 2015:











Ich nutze kurz vor der Kleinen Scheidegg das Fenster einer Bahnwerkstatt für ein Selbstportrait. "Sherpa im Regen, frierend" wäre mein wenig origineller Titelvorschlag.

Aber es bleibt keine Zeit für langes Verweilen. Ich bin doch gespannt, wie und wann Chris ankommen wird!










Nur noch Zeit für einen sehr nötigen Gang in die saubere (!) Sanitäranlage der Bahnstation muss sein. Und für ein Foto dieses Piktogramms.
Ich rätsele immer noch, warum man volle Klopapierrollen ins WC werfen soll...







Oben angekommen. Ein endloser Strom von Finishern kommt vom Nachzielbereich. Zwar werden Plastikmäntel, sogar mit Kapuze, ausgegeben. Doch inzwischen ist es grauslig hier oben. 3-4°, Regen versetzt mit ersten Schneekristallen, teils Wind. Manche Läufer sind zwar noch voller Glückshormone und scheinen das Wetter gar nicht wahrzunehmen, doch viele eilen nur in Richtung Kleiderbeutelrückgabe, manche frieren sichtlich.
Auch mir ist längst nicht mehr warm, trotz vermeintlich wärmender Kleidung. Die Feuchtigkeit kriecht unaufhaltsam in die Knochen.
Wie müssen sich da nur diejenigen fühlen, die immer noch auf der Strecke sind? Doch dazu gehört Chris nicht mehr, er hat sein Zeitziel unterboten mit 5:25 Std., und war damit 25 Minuten besser als bei seiner Premiere! Rasch nimmt er die mitgebrachten Utensilien und Wechselkleidung und geht duschen. Immerhin - warmes Wasser! Doch dann bibbern wir gemeinsam um die Wette, nichts hilft gegen die Kälte. Wir beschließen daher, nicht auf Heidrun zu warten und die wartende Menschenmenge zur Talbahn zu bereichern. Das braucht wieder Nerven, denn hier kommen erneut Läufer, Begleitpersonen und normale Touris zusammen. Wir haben relatives Glück und müssen nur etwa eine Viertelstunde im Regen stehen, bevor wir nach dem Gerangel vor dem Gleis im ungeheizten Bähnlein sitzen dürfen. Nach einer weiteren Viertelstunde geht es abwärts, aber wärmer wird uns davon auch nicht.
Doch wir haben vorgesorgt und im Auto eine warme Decke bereit gelegt. In die wickeln wir uns auf der Rückbank sitzend ein, bis die beiden Mitstreiterinnen nach einer guten halben Stunde ebenfalls eintreffen. Unser Anblick sorgt für große Erheiterung, aber immerhin spüren wir schon wieder ansatzweise Wärme im Körper.

Heidrun darf ebenfalls einen Erfolg vermelden. Nachdem sie sich am 6:30-Pacemaker orientierte, hat sie ihn schließlich aus Gründen zu großer Langsamkeit abgehangen und ihren Weg allein gemacht. Ihre Trainingsvorbereitung und Laufausdauer wurden mit 6:23 Std. belohnt. Und wäre nicht der Stau bei der Moräne gewesen, und das letzte Stück des Weges so glitschig, wäre die Zeit noch besser gewesen.

Jedenfalls dürfen beide stolz auf das Geleistete sein. Wie überhaupt jeder, der an diesem Tag bei diesen Bedingungen durchgehalten hat! Meins wäre es nicht gewesen, aber ich bin ja auch aus Weichholz geschnitzt ;-)

Die Siegerzeiten waren übrigens 2:56 Std. bei den Herren und 3:12 Std. bei den Damen.

Und ein wunderschönes stimmungsvolles Video gibt es hier zu sehen:





Donnerstag, 31. August 2017

Klatschmarathon zum UTMB (TDS)

Ausnahmsweise laufen wir nicht selber, sondern schauen einem beeindruckenden Event zu. Dem "Sur les Traces des Ducs de Savoie" (TDS), einem Vorlauf im Rahmen des "Ultra-Trail du Mont-Blanc" (UTMB). Während letzterer mit 171 einmal den Mont-Blanc umrundet, ist der TDS eine kürzere Version, von Courmayeur nach Chamonix, über 118 km mit 7.223 Metern hinauf und 7.407 Metern bergab.
Um Lauffreund Nile an der Strecke anfeuern zu können und überhaupt eine solche Veranstaltung aus der Nähe zu erleben, nehmen wir 4 Stunden Autofahrt und 43 EUR Maut (PKW-Tarif) für den 11 km langen Tunnel unter dem Mont-Blanc gerne auf uns.

Am Kleinen St. Bernhard (2.188 Meter Höhe) wollen wir uns treffen, den wir im Morgendunst erreichen.
Es starteten 1.818 Teilnehmer um 6 Uhr zum TDS. Sie haben für das Wagnis Zeit bis zum Folgetag um 15 Uhr, also 33 Stunden.
Wir suchen uns einen Platz oberhalb des Lago Verney. Irgendwo dort unten werden die Läufer auftauchen. Wir schnappen Gesprächsfetzen auf, dass die Führenden in wenigen Minuten zu erwarten sind.

















Wir befinden uns an Streckenkilometer 35,9 und die Ankommenden haben zudem schon 2.500 Höhenmeter in den Beinen. Nach knapp unter 4 Stunden kommt der erste Läufer.
Ich greife kurz vor: Er wird die Führung über die nächsten 82 km nicht mehr abgeben und nach 14:33 Std. das Rennen rechtzeitig zum Abendessen beenden... Aber so locker, wie der hier oben ankam, ist das fast kein Wunder.



Wir haben Glück mit dem Wetter und es klart auf, so dass wir das phantastische Panorama bewundern können.
Dort unten hinten am See tauchen die Läufer als winzige bunte Punkte im Grün der Alpweiden auf und bewegen sich entlang des linken Seeufers...







... bevor sie den Anstieg zum letzten Stück auf die Passhöhe auf schmalen Pfaden nehmen müssen.
Nach den drei Führenden kommen zunächst nur einzelne Läufer.
Ein großer Unterschied zu Flachlandläufen. Ein richtiges "Hauptfeld" gibt es nicht. Nur die Frequenz auf der "Ameisenstraße" nimmt etwas zu.





Zunehmend kommen dann Läufer in Gruppen an. Jedoch lässt das Gelände nur "Entengang" zu.




Eine größere Gruppe Schaulustiger, Freunde und Familien von Teilnehmern hat sich hier oben versammelt. Jeder wird mit Applaus und teils Glockentönen empfangen.
















Nur vereinzelt kommt es zu echten Staus, wenn ein Vordermann langsamer ist als seine Verfolger. Doch man merkt den meisten an, dass sie schon arge Strapazen hinter sich haben und kaum böse wegen einer kleinen Pause sind.

In den Gesichtern kann man lesen wie in Büchern...
Da sind die, die sich einfach freuen, den Pass erreicht zu haben und das mit einem Strahlen zeigen.
Da sind die, aus deren Augen die stille oder gequälte Dankbarkeit spricht, die Anstrengung diesen Anstiegs nun absolviert zu haben.
Manche müssen sich schon schwer auf ihre Stöcke stützen, um den letzten Rest hier hinauf zu schaffen.
Viele sind gezeichnet von dem bisher Geleisteten.
Fast alle gehen, doch manche legen aus Freude über den tollen Empfang hier oben ein paar Laufschritte ein.
Ein Franzose hält begeistert eine Ansprache ans Publikum. Da die Zuschauer ja die Läufer dank der Vornamen auf ihren Laufnummern mit Namen ansprechen können, gibt der Franzose zurück: "Hey, ich kenne Euch alle! Marie, schön, dass Du da bist! Jean, schön Dich zu sehen! Francois (gemeint ist mein Mann) Du bist auch da!" usw. Woher der noch die Energie für so etwas nimmt.... und munter trabt er weiter.
Ich erinnere mich an einen Amerikaner, der mit Strohhut, Karohemd und Wanderbermudas vor sich hin trottet. Und überhaupt, die Nationen! Jeder hat seine Landesflagge klein auf der Startnummer. Wir erkennen natürlich viele Franzosen und Italiener. Bemerkenswert viele Spanier, Portugiesen, Chinesen, Japaner, Briten. Deutsche, Schweizer und Österreicher erstaunlich wenig. Aber welche Fahnensymbole man nicht alle sieht: Estland, Litauen, Slowakei, Tschechien, Russland, Israel, Südafrika, Brasilien, Venezuela, Türkei, Neuseeland, und und und. Leider hatte ich keinen Notizblock dabei. Sogar einen Nepalesen sahen wir!

Sie alle möchten wir am liebsten mit unserem Anfeuern wieder mit frischer Energie betanken - wenn das so leicht wäre.
Und so freuen wir uns über jedes kleine Lächeln, dass wir einem Teilnehmer ins Gesicht zaubern können. Das baut sie hoffentlich ein wenig auf. Mancher sagt oder murmelt ein "Merci" oder gibt einen kleinen Applaus zurück. Vor allem einige Japaner und Chinesen deuten sogar eine Verbeugung an.
Manche sind so in sich versunken, dass sie kaum wahrnehmen, was um sie herum geschieht.
Wir sind voller Hochachtung für die Leistung, die sie alle bis hierher gebracht haben und voller Respekt, für das, was sie noch vor sich haben! Bei einigen machen wir uns allerdings schon jetzt Sorgen...

Unser Freund Nile hatte uns schon von unterwegs gesmst, dass er an unserer Position aussteigen wird, er hat Probleme mit der Nackenmuskulatur, die ihm Abwärtslaufen kaum ermöglicht.
Nachdem wir 3,5 Stunden fleißigst geklatscht haben, bis die Hände rot sind (was mir allerdings deutlich kürzer vorkam), kommt er an.
Wir genehmigen uns ein kühles Erfrischungsgetränk, bevor er zu seinem Shuttlebus geht. Auch wenn ein solcher Abbruch sicher nicht das Ziel seiner Teilnahme war, so hat er unsere Bewunderung für diese Leistung verdient. Und ist zudem in guter Gesellschaft. Rund ein Drittel der Teilnehmer wird nicht das Ziel erreichen.

Wir werfen noch einen Blick ins Verpflegungszelt, das auf dem Weg zum Auto liegt. Und können immer noch kaum fassen, was die Läufer hier auf sich nehmen. Dagegen ist ja ein Marathon ein Kindergeburtstag!

Und wenn wir am nächsten Morgen nach gutem Schlaf aufstehen, laufen viele immer noch.
Und wenn wir Mittagessen haben, sind immer noch welche auf der Strecke...
Unvorstellbar!

Mit solchen Eindrücken und Gedanken nutzen wir die Rückfahrt über den Großen St. Bernhard (mautfrei) noch zu einem Zwischenstopp.
Ich will doch mal die Originale sehen.
Und die sind da oben!











Wahrhaftig hält eine Stiftung auf der Passhöhe etwa ein Dutzend ihrer Prachtexemplare.












Doch im Museum sieht man, wie ursprünglich die Ur-Bernhardiner aussahen. Der ausgestopfte "Barry III" hat noch deutlich andere, und für unseren Geschmack hundgerechtere Gesichtszüge.
Und wir erfahren (leider), dass es die Sache mit dem Fässchen um den Hals in Wahrheit gar nicht gab. Wohl haben die Hunde tatsächlich bei der Rettung von Menschen geholfen.





Blick vom Pass Richtung Schweiz.
Während wir gemütlich im Auto gen daheim rollen, laufen andere in die Nacht hinein...

Sonntag, 27. August 2017

Thuner Stadtlauf 2017 (10 km)

Der Thuner Stadtlauf, unsere zweite Teilnahme nach 2016. Und erneut erwartet uns ein "heißes" Ereignis. Schon am Vortag, als wir unsere Startnummernabholung mit einem lockeren Longjog verbinden, bei 28° am Abend, gewinnen wir eine Vorahnung.
Auch wenn unser Start erst um 19.20 Uhr angesetzt ist, es ist kaum kühler.
Am Wettkampftag, bei unserem kurzen Weg zum Start, werfen wir hier und da einen Blick auf die Strecke. Zum Beispiel auf den roten Teppich, der später ein fulminantes Lauffinish in Gänsehautqualität einleiten wird.

Es geht malerisch am Wasser entlang. So schön die Abendstimmung nachher sein wird, sie wirkt sich etwas nachteilig auf die fotografischen Möglichkeiten aus, sprich:  Es wird später zu dunkel für unverwackelte Fotos.








Also gilt es, zunächst noch ein paar Eindrücke mitzunehmen, wie hier beispielsweise die sprintenden Footballer, die dem vor uns startenden 5,7-km-Feld ein kurzes Stück voranlaufen.









Und schon sind wir dran. Knappe 1000 Läuferinnen und Läufer gehen auf den Kurs an den schönsten Stellen Thuns vorbei.
Viel zu tun in Thun also.









Zunächst Richtung Schadaupark. Dort steht wie angedrohtkündigt Schwager Ruedi und feuert uns an. Merci, Ruedi!
Wobei das "uns" ist in 2 Teilen zu verstehen, denn mein eidgenössischer Ehemann ist natürlich schon wieder um Längen voraus. Ich bin damit beschäftigt, mein Tempo zu regeln, mich nicht zu schnell mitziehen zu lassen. Das wird noch anstrengend hier.




Und schon einer der schönsten Aussichtspunkte. Eiger, Mönch und Jungfrau grüßen leicht dunstig aus der Ferne.
Ist das nicht prachtvoll, hier laufen zu können?
Man möchte am liebsten ein Bad nehmen. Doch ein eifriger Streckenposten bewacht die kleine Treppe, die hier ins Wasser führt, auf dass kein Läufer ein Bad nehmen möge. Außerdem würde ein solches Intermezzo doch arg die Zeit verlängern...

Gleiche Stelle, den Kopf um 180° gewendet: Schloss Schadau, wo man gediegen in edlem Ambiente gerade zu Abend speist, während wir Hundertschaften dort entlangschnaufen.










Wieder zurück vom Park, entlang der Schiffsländte ...
... Richtung Alt- und Innenstadt. Diesmal gibt es im Bälliz Getränk in rauhen Mengen. Ein Problempunkt des letzten Jahres also beseitigt! Ich kippe mir einen Becher Wasser auf das erhitzte Haupt. Wie gut das tut!







Zu diesem Bild gehört eigentlich eine Hörprobe. Läuft man hier zum ersten Mal, vermutet man eine Alpabtrieb um die Ecke, denn es dröhnen Kuhglocken von irgendwoher.







Mit Alp hat es auch ein wenig zu tun, was nun kommt. Im Streckenprofil folgt der Schlossberg:










Und ich kann hier mein Alibi präsentieren, warum ich gehen MUSSTE! Ok, ich gebe zu, es kam mir ganz recht, ich laufe ja durchaus am Limit heute, bei der Hitze... Was sich hier vielleicht locker liest (und für mich sich im Nachhinein so anfühlt), war dann doch arge Anstrengung.






Es folgen hinter der Ecke die Urheber des -man muss schon sagen- Radaus, aber eines Geräuschteppichs, den ich mag.









Weiter entlang der Schlossmauer...













... bis zum nächsten "alten Bekannten". Wunderbare schottische Musik erklingt. Ein Vorgeschmack für diejenigen, die in 2 Wochen den Jungfraumarathon angehen. Dort steht der fleißige Musikus auch am höchsten Punkt.
Von unten vom Rathausplatz dringt Applaus an unsere Ohren, da laufen wohl gerade die Sieger ein. Wir haben noch knapp die Hälfte vor uns.





Ab nun rollt es kurzzeitig abwärts, das tut gut. Außer man braucht dringend Wasser, wie der Läufer in der Mitte, der den Brunnen am rechten Bildrand zu spät erkannte und nun abrupt eine Wende dorthin einleitet.







Ein Stück entlang des Thunersees führt uns nun der Weg. Wenn ich hier auf der Gegengeraden sein werde, ist es bald geschafft.
Aber erst noch ein kurzes Stück der Staatsstraße entlang. Kein Problem, hier Läufer und Autofahrer gemeinsam unterzubringen.










Die Sonne geht unter. Nochmals ein Blick auf Schloss Schadau. Welchen Gang sie wohl gerade dort servieren?
Ich befinde mich auf meiner geliebten Seejogginstrecke. Ein gutes Gefühl zu wissen, wie nah man schon am Ziel ist. Es ist zwar anstrengend, aber es läuft gut. Meist überhole ich, zwar langsam, aber immerhin.



Am "Bateau Vapeur" sitzen die Gäste draußen. Muss schon seltsam sein, wenn die schnaufende und schwitzende Meute vorbeirennt, während man einen guten Roten oder einen Rosé degustiert.







Wir nähern uns dem eingangs in voller Helligkeit gezeigten roten Teppich. Die letzten 400m vor dem Ziel werden wirklich atemberaubend.
Zuerst geht es durch die letzte von mehreren auf der Strecke verteilten Duschen eines auf Duschen spezialisierten Sponsors, dessen Wassergabe heute sehr willkommen war.






Dann laufen wir dicht an zahlreichen besetzten Tischen der Thuner Ausgehmeile entlang. Die Footballer stehen hier wieder entlang der Strecke und erwarten die Läufer. Wir sind ja schnell an diesen Gerüchen nach Pizza vorbei, aber die Jungs in ihren Monturen müssen länger ausharren.
Die Atmosphäre ist klasse, immer wieder "Hopphopphopp"-Anfeuerungsrufe und Applaus.




Das nächste Highlight folgt. Eine in rotes Licht getauchte kurze Passage. Wow!











Und immer noch nicht im Ziel, denn nun folgt nach einer Linkskurve ein Baldachin aus orangeroten Bändern.
Nochmal ein schönes Ambiente, das die Sinne vereinnahmt (zumindest für die, die nicht ganz im "Läufertunnel" sind).








Das Ziel auf dem Rathausplatz. Ich kann zwar nochmals ein wenig Tempo forcieren, aber eine Läuferin, mit der ich einige km parallel lief, die ich einen km vor dem Ziel überholte, kommt von hinten dermaßen angeschossen, dass sie mich dann doch noch überholt. Aber will man bei solch einem tollen langen Zieleinlauf überhaupt schnellstens im Ziel sein?






Geschafft!
Wir und die Strecke von uns.
Schön wars!
Ich erreiche eine 56'er Zeit, mein Mann eine 48'er. Ok für die Hitze. Soweit zur absoluten Zeit. Aber -schließlich lebte Einstein ja länger im nahen Bern- ich bevorzuge die relativitätstheoretische Betrachtung: Mein Mann ist in seiner AK 43'ster, ich darf in meiner den 10. Rang bekleiden 😁.

Wir schlendern gemütlich zurück Richtung Auto und nehmen noch einige Eindrücke des abendlichen Thun auf. Immer noch kommen Läufer an, vielfach mit einem Strahlen im Gesicht.





Hier gehts zum Veranstaltervideo 2017:




Ach ja, das diesjährige Finishergeschenk. Ich vermute, es ist ein Sporthandtuch aus Mikrofaser.Da ich noch nie ein solches in Händen hielt, diese vorsichtige Aussage. Dazu ein Päckchen Pflaster und ein Beutel eines Hauptsponsors mit Nudeln, Wasser, Snack usw.
Schöne Erinnerungen an einen wieder schönen Lauf.

Auf ein Neues in 2018!